Energie Schweiz

Die ersten Erfahrungen mit einem E-Auto

Das alte Bewährte hinter sich zu lassen und umsteigen auf etwas Neues ist immer mit Unsicherheiten und einem gewissen Respekt verbunden. So auch beim Umstieg auf die Elektromobilität. Vor allem der Tank- bzw. Ladevorgang gestaltet sich neu. Man ist also gut beraten, sich im Vorfeld über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren und die Frage zu stellen, wo und wie lade ich mein Elektroauto? Hat man diese Fragen für sich beantwortet, kann man die Vorteile der Elektromobilität voll und ganz auskosten. Ein Selbstversuch. 

Der Renner liegt im Kofferraum – dank­ umgeklappten Rücksitzlehnen und demontierten Rädern passt er locker in den kleinen Cityflitzer. Ich feiere mein erstes Erfolgserlebnis als Neuling in Sachen E-Auto. Nach 120 Kilometern pedalender Anfahrt von Steffisburg ins Fahrzeuglogistik Zentrum der Amag im aargauischen Lupfig, freue ich mich auf die zwei Testwochen im Citigo e iV. Das erste elektrische Serienmodell von Skoda zielt auf Kunden wie mich: Bequem, wenn es darum geht, rasch von A nach B zu gelangen. Aber nicht bereit, ein Vermögen dafür auszugeben. Und ja, vom schlechten Öko-Gewissen geplagt, weil ich das Klima unnötig mit meiner CO2-Schleuder von 2005 belaste.

Auf dem Weg zur Besserung dreh ich den Schlüssel zur Strompremiere: Der Citigo tut keinen Wank! Fuss auf dem Bremspedal, Handbremse gelöst, Ladestand auf grün, Türen geschlossen, Gurten an…? Ich dreh den Schlüssel wieder und wieder. Ein Anfängerfehler: Der E-Skoda ist schon lange startbereit, der Motor lautlos. Schalthebel auf D und ab auf die Autobahn Richtung Berner Oberland. Ich biege auf die A1 ein und trete voll aufs Gaspedal – oder heisst das jetzt Strompedal? «Ja», weiss Google. Vom 61 kW (83 PS) starken Elektromotor ist immer noch nichts zu hören. In 12,3 Sekunden spurtet der kleine Tscheche laut Werksangaben und ohne Schaltrucken von 0 auf 100 km/h und auch bei Tempo 120 ist nur das Rauschen des Fahrtwindes zu hören.

Bin ich schon überzeugter Fan der E-Mobilität? In Sachen Fahrspass definitiv: Auf der Autobahn hält der für den Stadtverkehr konzipierte Citigo gut mit. Dank dem Drehmoment von 212 Nm fährt man sowohl bei höheren Tempi als auch im Stadtverkehr zügig in jede Lücke. Vor allem an der Ampel. Aber Vorsicht: Die überraschende Dynamik, gepaart mit dem geräuschlosen Motor, lässt einem gerne die Tempo-Limiten vergessen! Gar nicht vergessen, sollte man den regelmässigen Blick auf die Reichweite. Laut Werks- und Füllstandangaben beträgt sie mit vollgeladenen Akkus rund 260 Kilometer. Bei zügiger Fahrweise und Autobahnfahrten schwindet sie rasch, und wenn man dringend eine Ladestation benötigt, hört der Spass irgendwie auf.

Als E-Neuling ist man gut beraten, sich vor dem ersten Ladestopp schlau zu machen. Und das eingehend. Als ich mich ernsthaft darum kümmere, zeigt mein Testfahrzeug nur noch 30 Kilometer Reichweite an und beim Schlaumachen im Internet wird mir eines rasch klar: In der E-Mobilität gibt es viele Anbieter. Die Betreibenden von Ladestationen, EnergieSchweiz und die Bundesämter für Energie (BFE) und Landestopografie (swisstopo) bieten mit der interaktiven Anwendung www.ich-tanke-strom.ch eine neue Übersicht der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in der Schweiz an. Dies hilft die Übersicht zu behalten.

Nach längerer Recherche sind meine dringendsten Fragen geklärt und ich finde rasch und ohne Verpflichtungen einzugehen, meine Ladestation des Vertrauens für mein zweiwöchiges E-Abenteuer. Ohne Registrierung und ohne Karte lässt sich im Parkhaus der Gemeinde Steffisburg BE der kleine Skoda innert rund vier Stunden vollladen. Und ausser einem Franken Parkgebühr pro Stunde – das gilt auch in vielen Einkaufszentren so – ist der Service gratis.

«Noch», wie Martin Deiss der Leiter Tiefbau/Umwelt erklärt. «Die beiden Ladestationen wurden vor vier Jahren in Betrieb genommen, damit Besucher der Verwaltung ihr E-Auto laden können, und um die E-Mobility zu fördern. Doch immer öfters werden hier Autos vollgeladen. Wenn das zunimmt, müssen wir das Laden kostenpflichtig machen», sagt Deiss und betont. «Wenn Sie wirklich auf ein Elektroauto umsteigen wollen, dann besorgen Sie sich eine Ladestation für zu Hause.» Das rät auch Emanuel Steinbeck: «Ein E-Fahrzeug lässt sich am sinnvollsten einsetzen, wenn man zu Hause über eine Ladestation, eine Wallbox verfügt.»

Ladevorgang beim Skoda Citigo e iV. 

Stimmt: Fünf Mal musste ich während dem zweiwöchigen Test mit dem Citigo an die Ladestation. Manchmal war sie besetzt, manchmal hatte ich keine Lust auf die Spaziergänge nach Hause und zurück zur Station. Es gibt zwar Schlimmeres, aber mit den Wallboxen auch Bequemeres und mit Blick in die Zukunft sicher Günstigeres.

Apropos günstig: Für die Rennrad-Fahrt von Lupfig zurück nach Steffisburg verbrauchte ich zwei Siebendeziliter Bidons mit Bio-Holundersirup und einen Müesliriegel zu Nettokosten von knapp 3 Franken. Eine Vollladung Strom fürs E-Auto kostet im Schnitt 1 bis 10 Franken – Gratisanbieter und Wucherer nicht eingerechnet. Für eine Wallbox inklusive Installation zahlt man plus/minus 2000 Franken, bei Fahrzeugsteuern sowie bei Versicherungen profitiert man von Öko-Rabatten bis zu 60 Prozent. Und mit einem Nettopreis von knapp 20'000 Franken kostet der Citigo e iV nicht mehr als ein Verbrenner seiner Klasse. Für mich ist klar: Wer E-Auto fährt, spart trotz höherem Anschaffungspreis Geld, schont die Umwelt und reist erst noch bequem – ich bin schon ein überzeugter Fan der E-Mobility.


Bruno Stüdle (59) aus Steffisburg. Er war als Journalist und Chefredaktor für verschiedene Medien der TX Group tätig. Heute arbeitet er als Reporter und selbständiger Autor. Radeln - auf dem Renner und dem Mountainbike, alleine oder als Guide im Berner Oberland, mit Bici Aktivferien auf Sardinien und mit Trailtravel auf Kapverden - ist seine Leidenschaft.