Energie Schweiz

Eiszeit bei Volvo

Polestar-CEO Thomas Ingenlath ist von seiner Kreation überzeugt

Volvo will ab 2019 nur noch neue Modelle herausbringen, die entweder rein batteriebetrieben fahren oder mit Hybridsystem. Mit dieser Ankündigung löste der schwedische Autohersteller im Juli ein grosses Medienecho aus. Volvo will aber nicht nur andere Autos bauen sondern setzt auch auf eine neue Marke mit dem Namen Polestar. Mit Fahrzeugen für Oberklasse-Kunden wollen sich die Schweden gegen Tesla & Co. in Stellung bringen.

Als neuer Chef von Polestar will der Volvo-Designer Thomas Ingenlath die Marke mit dem Polarstern neben Mercedes EQ oder Audi e-Tron in die Front der Tesla-Fighter einreihen. «Polestar wird ein echter Wettbewerber im wachsenden globalen Markt für elektrifizierte Hochleistungsfahrzeuge», hatte Volvo-Chef Hakan Samuelsson im Sommer angekündigt und nun lässt Ingenlath die ersten Taten folgen. Daheim bei Volvo-Eigentümer Geely in Shanghai hat er das Tuch von jenem Auto gezogen, dass die frostige Offensive aus dem hohen Norden anführen soll – der Polestar 1.

600 PS und 1000 Nm
Gebaut in einem neuen Werk in Chengdu, erinnert der für Mitte 2019 angekündigte Gran Tourer stark an eine Coupé-Studie von 2013, die damals die neuen 90er-Modelle vorweggenommen hat. Allerdings ist der 2+2-Sitzer mit seinem 600 PS und 1000 Nm starken Antrieb deutlich handlicher als das Flaggschiff der Schweden. Nicht umsonst hat Ingenlath den Radstand um 32 und die Länge um über 50 Zentimeter gekürzt und sich so auf insgesamt 4,50 Meter beschränkt.

Zwar bedient sich Polestar aus dem Teilelager von Volvo, doch legt Ingenlath Wert auf die Eigenständigkeit der Marke. Während Volvo die Elektrifizierung in den bestehenden Segmenten vorantreiben will, soll Polestar deshalb Neuland erkunden und neue Wege gehen. Das gilt für die Technik mit der ersten Karbon-Karosserie der Schweden oder die vorausschauend adaptiven Dämpfer aus dem Hause Öhlins und vor allem für das Design, das sich mehr Aggression, Egoismus und Kälte erlaubt. Nicht umsonst findet man nirgends am Auto das Volvo-Logo und sieht stattdessen über dem Kühler und auf dem Lenkrad den Polarstern.

Auch das Innenleben des Polestar 1 setzt auf nordische Kälte

«Weltweit grösster Aktionsradius»
Ein Massenmobil ist der Polestar 1 definitiv nicht. Er wird höchstens 500 Mal gebaut. Der Gran Tourer ist zudem trotz dem Fokus von Volvo auf Stromer gar kein reines Elektroauto, sondern ein Plug-In-Hybrid, der zwei E-Maschinen an der Hinterachse mit einem ebenfalls von Volvo entlehnten Vierzylinder-Benziner vorn unter der Haube kombiniert. Zwar garantiert Ingenlath für den Lithium-Ionen-Akku eine elektrische Reichweite von 150 Kilometern und spricht vom Hybriden mit dem weltweit grössten Aktionsradius. Doch wenn der Erstling 2019 an den Start geht, kommen Konkurrenten wie der Jaguar I-Pace oder der Audi E-tron auch ohne Sprit dreimal so weit.

Da ist es auch nur ein schwacher Trost, wenn Ingenlath von einem Konzept spricht, mit dem man die Performance eben nicht nur kurzfristig ausreizen, sondern anders als bei rein elektrischen Autos auch auf Dauer abrufen kann: «Die meisten Elektroautos sind schnell – das ergibt sich aus den Eigenschaften eines Elektromotors. Doch für Polestar geht Performance über reine Geradeaus-Geschwindigkeit hinaus», sagt der Designer und Firmenchef. Es gehe natürlich um Beschleunigung, aber eben auch um Kurvenverhalten, Verzögerung, Federungs- und Fahrwerkskontrolle sowie um das Lenkgefühl. «Das ist es, was Polestar unter progressiver Performance versteht.»

Der Polestar 1 ist für Mitte 2019 angekündigt

Stromer kommt Ende 2019
Lange muss Ingenlath solche verbalen Klimmzüge nicht mehr machen. Denn schon Ende 2019 kommt das zweite Modell und probt in jeder Hinsicht den Ernstfall: Als direkter Wettbewerber für das Tesla Model 3 konzipiert, ist es auf grössere Stückzahlen ausgelegt und fährt dann voll elektrisch. Genau wie der Polestar 3, der als ebenso grosser wie sportlicher SUV das frostige Trio aus dem hohen Norden bis spätestens 2021 komplett machen soll.

Damit nicht genug: Ingenlath will auch beim Vertrieb ein Stück weitergehen und die von Volvo und der chinesischen Schwester Lynk & Co angedachten Innovationen umsetzen. Statt konventioneller Händler plant er einige wenige Polestar Spaces mit Beratern, Showroom und Teststrecke, will den Vertrieb aber weitgehend ins Internet verlagern. Statt eines Zündschlüssels gibt es nur noch einen Code aufs Smartphone und wo man herkömmliche Autos noch kaufen muss, gibt es den Polestar wie ein Handy mit Flatrate im Abo.

So ehrgeizig die Pläne für Polestar sind, behält Ingenlath bei den Zahlen jedoch die Bodenhaftung. Während Volvo von Absatzrekord zu Absatzrekord fährt, im vergangenen Jahr die halbe Million geknackt hat und mittelfristig 800’000 Einheiten anvisiert, sieht er seine Marke als «Explorer». «Wir sind das Testfeld für neue Trends und Technologien.», sagt Ingenlath, und gibt sich mit fünfstelligen Produktionszahlen zufrieden.