Energie Schweiz

«Die Realität ist ernüchternd»

co2tieferlegen sprach mit Andreas Burgener, Direktor von auto-schweiz, über die aktuelle Situation und Trends in Bezug auf Elektrofahrzeuge in der Schweiz.

Andreas Burgener ist der Direktor von auto-schweiz, der Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure. Er fährt zur Zeit einen Kia Stinger, fliegt Delta und Gleitschirm, sitzt auf einem MTB Cycletech Opium (Mountainbike) und träumt von einer KTM Duke. Sein erstes Auto war ein Citroën GS, sein Traumauto ist der Alpine A110.

Andreas Burgener, blättert man die Schlagzeilen der Medien durch, könnte man meinen, die ganze Autowelt stünde unter Strom. Empfinden Sie das auch so?

Elektromobilität ist derzeit ein grosses mediales Thema, keine Frage. Die Realität, also die Marktanteile elektrischer Fahrzeuge, sieht heute noch ernüchternd aus. Aber wir gehen davon aus, dass sich das in den kommenden Jahren rasant ändern wird. 

Nicht umsonst wollen wir mit unserem 10/20-Ziel einen Marktanteil an Elektroautos und Plug-in-Hybriden von 10 Prozent im Jahr 2020 erreichen. 

Der Marktanteil der rein elektrischen Fahrzeuge in der Schweiz nach dem ersten Halbjahr erst bei 1,5 Prozent gegenüber 1,3 Prozent im Vorjahr. Hätten Sie mehr erwartet?

Nicht unbedingt. Einen richtigen Schub bei Elektroautos wird es erst in den kommenden beiden Jahren geben, wenn zahlreiche neue Modelle vieler unterschiedlicher Hersteller auf den Markt kommen. Heute ist die Modellauswahl noch überschaubar, aber es sind schon sehr gute Autos darunter. 

In absoluten Zahlen sprechen wird von 2404 neu zugelassenen Stromern von Januar bis Ende Juni. Weshalb kommen die lautlosen Fahrzeuge in der Schweiz nicht vom Fleck?

Die Rahmenbedingungen sind noch nicht ideal. Die öffentlich verfügbare Ladeinfrastruktur wächst zwar, aber nur langsam und für viele nicht sichtbar. Zudem sind E-Fahrzeuge noch etwas teurer als vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor. Das liegt an den hohen Entwicklungs- und Batteriekosten. Auch die Reichweiten mit einer Akkuladung sind noch nicht da, wo viele Kunden sie gerne hätten. All diese Schwierigkeiten werden in den kommenden Jahren überwunden werden.

Klarer Leader bei den alternativen Antrieben ist der Benzin-Hybrid, der seine Marktanteile von 3,3 Prozent auf 4,2 Prozent steigerte. Weshalb setzen Herr und Frau Schweizer lieber auf den kombinierten Antrieb aus Stromer und Verbrenner?

Sie haben den Vorteil der grossen Reichweite des Verbrenners, können Energie durchs Bremsen rückgewinnen und gerade im städtischen Bereich, rein elektrisch fahren. Derzeit sehen wir vor allem bei den Plug-in-Hybriden ein starkes Wachstum. Hier gab es in den ersten sechs Monaten über 40 Prozent mehr Immatrikulationen als im Vorjahr.

Das erstaunt, denn gerade beim Plug-in-Hybrid haben unabhängige Tests gezeigt, dass der theoretische Wert im realen Betrieb nicht zu erreichen ist.

Die Herstellerangaben beruhen heute immer noch zu grossen Teilen auf dem alten Messzyklus NEFZ. Dieser ist in der Tat weit entfernt vom echten Fahren auf der Strasse. Deshalb wird er vom neuen, realistischeren WLTP-Zyklus ((Verlinkung Text WLTP)) abgelöst.

In der Schweiz befindet sich der Diesel weiterhin im Sturzflug: Minus 19,1 Prozent im ersten Halbjahr. Wird dem Diesel Unrecht getan?

Definitiv. Modelle mit der neuesten Abgasnorm Euro 6d-TEMP sind sehr sauber und haben mit der älteren Technik nichts mehr zu tun. Wir sehen auch erste Gegenbewegungen im Markt. Bei einigen Herstellern steigt der Dieselanteil bei Neubestellungen wieder spürbar an. Wir sind daher sehr gespannt auf die Marktentwicklung im zweiten Halbjahr.

Und weshalb schafft es der verhältnismässig günstige CNG-Antrieb nicht aus der Nische?

Das ist eine gute Frage und hat wahrscheinlich mit der Angst zu tun, mit Tanks im Auto herumzufahren. Die Explosions-Befürchtungen sind aber bei CNG völlig unbegründet. Gerade für Vielfahrer ist der Gasantrieb finanziell spannend. Zudem gibt es zahlreiche Tankmöglichkeiten. 

Welchen Rat geben sie Unentschlossenen, die sich nicht zwischen den verschiedenen Antrieben entscheiden können?

Man muss sich die Frage stellen: Für welche Strecken wird das Fahrzeug grösstenteils eingesetzt? Wenn man viel Langstrecken fährt und flexibel bleiben will, ist ein Diesel- oder Gasauto sicher die günstigste Wahl. Als Pendler entlang derselben Strecke kann je nach Distanz ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid interessant werden, sofern man bei der Arbeit oder zuhause eine Lademöglichkeit hat. Für diejenigen, die mit dem Auto wenig unterwegs sind, bietet sich ein Benziner oder ein Hybrid an.

Wie bereits erwähnt, verfolgt auto-schweiz ein ehrgeiziges Ziel: Bis Im Jahr 2020 soll jeder zehnte neue Personenwagen, der in der Schweiz oder in Liechtenstein immatrikuliert wird, ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid sein. Glauben Sie noch an das Erreichen dieses Ziels?

Selbstverständlich. Uns ist aber auch bewusst, dass der richtige Anstieg erst Ende 2019 kommen wird, wenn viele neue Modelle verfügbar sind. Im ersten Halbjahr 2018 lagen wir immerhin bei 2,8 Prozent Marktanteil, nach 2,2 Prozent im Vorjahr. Es geht also bereits langsam aufwärts. 

Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Unsere Mitglieder werden sehr attraktive E-Modelle auf den Markt bringen, vom praktischen Kleinstwagen über schnittige Limousinen bis zum sportlichen SUV. Die Preise werden immer konkurrenzfähiger, die Reichweiten wachsen ebenso wie die Möglichkeiten zur Aufladung. Und elektrisch Fahren macht einfach Spass.