Energie Schweiz

«Genf als Wendepunkt»

Der deutsche «Auto-Papst» Ferdinand Dudenhöffer sieht Genf als Wendepunkt der Mobilität.

Ferdinand Dudenhöffer, nach jahrelangem PR-Geplänkel scheint es, als ob der diesjährige Salon als Wendepunkt in der Mobilität in die Geschichte eingehen würde. Einverstanden? 

«Absolut richtig, auch wenn mit Tesla der derzeit wichtigste Elektroautobauer fehlt, sendet Genf eine klare Botschaft: Ohne Elektroautos geht es nicht mehr – und alle Hersteller werden sie ab 2020 und 2021 im Angebot haben. Denn wer keine batterie-elektrischen Autos hat, verabschiedet sich aus dem Autogeschäft.»


Auch in den vergangenen Jahren stand Genf «unter Strom», doch nun stehen konkrete Autos am Start oder werden zumindest noch in diesem Jahr erwartet. Bringt 2019 den realen Durchbruch bei der Elektromobilität?

«Ja! In den vergangenen 5 Jahren waren es eher Feigenblätter, jetzt ist der Wandel Realität. Und ich betone nochmals: Ohne Elektroautos verabschiedet man sich aus dem Autogeschäft. Das Elektroauto wird unsere Zukunft prägen – das war die klare Ansage in Genf.»


Was heisst das in Zahlen? Wie schätzen Sie die Entwicklung der Elektromobilität ein? 

«Schon 2025 dürfte ein Drittel der Neuwagen in der EU batterie-elektrisch sein und 2030 mehr als zwei Drittel. Und 2035 werden Sie vermutlich nur noch den Porsche 911 und den Ferrari als Verbrenner finden. Ich bin überzeugt: Die Verbrenner werden zur Nische.»


Welche Rolle wird der Volkswagen Konzern einnehmen? Immerhin zeigen die Wolfsburger in Genf mit Audi Q4 Concept, Seat el-born, Skoda Vision iV und VW ID. Buggy eindrücklich, wohin die Elektro-Reise bei Europas Nummer 1 geht.

«Das ist richtig. VW-Chef Herbert Diess geht das Thema sehr energisch und dynamisch an. Elektro-Plattformen, Verträge und Joint Ventures mit Batterieherstellern, die ID-Familie in der Pipeline. Etwas überraschend war für mich, dass er nur mit Start-ups in Kooperation bei seinen Plattformen geht. Das ist Spielerei, eher Marketing als klare Strategie. Die richtigen Kooperationen – etwa mit Ford – fehlen noch, um wirklich Kostenvorteile auf die Agenda zu bringen.»


Nachdem wir Journalisten jahrelang jedes E-Auto als «Tesla-Jäger» bezeichnet haben, hat die Volvo-Tochter Polestar den Mut, ihr zweites Modell (Polestar 2) direkt gegen das Modell 3 von Tesla zu positionieren. Wie sind die Aussichten?

«Wir kennen den Polestar 2 nur auf dem Papier, aber beim Auto ist der Realitätscheck, der Fahrvergleich, entscheidend. Mal sehen, wie das dann aussieht. Aber bisher hat Tesla das beste Konzept, die «Jäger» müssen erst noch auf der Strasse überzeugen.»


Genf lebt natürlich auch in diesem Jahr von Supersportwagen und Exoten. Dazu gehört auch die neue Marke Piëch mit dem Elektrosportler Mark Zero. Welche Chancen räumen Sie diesem schweizerisch-deutschen Projekt ein?

«Ich bin nicht ganz sicher, was das Ziel von Toni Piëch ist. Was er vorhat, sieht eher nach Technikbaukasten aus. Die gezeigte Studie sagt ausser dem Design noch sehr wenig aus. Wenn das Auto realisiert wird, dann wird es sicher ein Nischenmodell sein. Interessant wäre, wenn der Technikbaustein – etwa die Batterie –, auch spannend für andere Autobauer wäre. Alles in allem ist es so noch zu früh, um Erfolgsgesänge anzustimmen.»


Und was erwarten Sie vom Genfer Salon 2020 unter neuer Führung?

«Man muss den Niedergang stoppen. Also die Autohersteller wieder zurückbringen. Und endlich auch Tesla.»





Ferdinand Dudenhöffer

Der «Auto-Papst»

Ferdinand Dudenhöffer ist Professor an der Universität Duisburg-Essen und leitet dort das Fachgebiet «Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft». Gleichzeitig ist er Gründer und Direktor des CAR – Center Automotive Research – an der Universität Duisburg-Essen. Dudenhöffer arbeitete früher auch für die Marken Opel, Porsche, Citroën und Peugeot.