Energie Schweiz

Elektrofahrzeuge werden laut

Die EU pocht auf "Lärm" der Autos

Von wegen geräuschloser Strassenverkehr: Aus Sicherheitsgründen verlangt die EU, dass ab Juli 2019 alle neu entwickelten Elektroautotypen über ein akustisches Warnsystem verfügen.

Für mancher stellt die leise Fahrweise eines Elektroautos einen grossen Vorteil der Elektromobilität dar. Und jetzt, wo die immer zahlreicheren Fahrzeuge fast kein Antriebsgeräusch mehr von sich geben, müssen die Techniker in genau diese Fahrzeuge künstliche Geräusche einbauen. Das Problem: Die lautlos herannahenden Stromer sind ein zu grosses Sicherheitsrisiko für Fussgänger.

Darum hat die EU schon vor vier Jahren eine Verordnung verabschiedet, die vorsieht, Elektro- und Hybridautos mit einem akustischen Warnsystem auszurüsten, dem Acoustic Vehicle Alerting System – AVAS. Ab Juli muss AVAS Bestandteil aller neu entwickelten Elektroautotypen sein. Und ab Sommer 2021 darf kein Hybrid- oder reines Elektrofahrzeug mehr ohne ein solches Akustiksystem vom Fliessband laufen – das gilt auch für die Schweiz.

AVAS muss in der EU nur bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde sowie beim Rückwärtsfahren einen Sound abspielen. Denn fährt das Auto schneller, sind die Rollgeräusche der Reifen bei konstanter Fahrt ohnehin lauter als der Motor eines normalen Verbrenners, erklären die Spezialisten. Es geht also nur um die Phase des Anfahrens.

Was auf den ersten Blick nach unverständlich erscheint, wird aber auch von den Verkehrssicherheitsexperten unterstützt. «Fussgänger verlassen sich auf alle ihre Sinne – und damit eben auch auf das Gehör», sagt etwa Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherer (UDV). «Wenn man kein Auto hört, läuft man schon mal auf die Strasse ohne richtig zu gucken.» Gefährlich sei vor allem der Umstand, dass E-Autos beim Anfahren viel schneller sind, als herkömmliche Verbrenner – da bleibt weniger Zeit zum Ausweichen.

In Europa gebe es noch keine Unfallstatistiken speziell zu Elektroautos, „dafür sind einfach noch zu wenige auf der Strasse", sagt UDV-Forscher Brockmann. Aktuell ermittelt sein Institut in einem Experiment, wie gross die Gefahr für Fußgänger wirklich ist. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, sei solch ein Warnton "als Sicherheitsmassnahme sehr wichtig", findet Brockmann. "Und wenn sich herausstellt, dass es doch keinen Einfluss auf die Verkehrssicherheit hat, kann man es ja auch wieder abschaffen.»

Wie der Sound des AVAS klingen soll, gibt die EU-Verordnung nicht genau vor. Geregelt ist lediglich, dass "das Schallzeichen mit dem Geräusch eines Verbrennungsmotors vergleichbar" sein muss. Damit sind die langen, fantasiereichen Diskussionen vom Tisch, ob ein E-Auto künftig bellen, wiehern, Klingeltöne abspielen oder gar sprechen könnte. Fest steht nur, dass das Geräusch laut EU "eindeutig auf das Fahrzeugverhalten hinweisen" muss. Das heisst: Fussgänger und andere Verkehrsteilnehmer müssen erkennen können, ob das Auto bremst oder beschleunigt. Zudem dürfen sie nicht lauter sein als herkömmliche Fahrzeuge der gleichen Kategorie.