Energie Schweiz

Mercedes-Benz EQC - Das neue Elektro-SUV

Ein funktionierender Kompromiss

Mit dem EQC macht Mercedes-Benz Ernst in Sachen Elektromobilität – allerdings noch ohne eigene Elektro-Plattform. Das könnte klappen!

Kommenden Monat wird Mercedes-Benz die ersten Exemplare seines ab 84’900 Franken verkauften Elektro-SUVs EQC ausliefern. Ein Schlüsselmoment in der Automobilgeschichte. Zumindest für die Schwaben. Denn während der kalifornische Autobauer Tesla zum Synonym einer neuen Mobilität aufgestiegen ist, hat Daimler die Elektrifizierung mit der B-Klasse und Smart bisher eher halbherzig betrieben. Mit der Lancierung des EQC, der gegen das Tesla Model X antritt, treffen nicht nur zwei Autos, sondern zwei Wirtschaftsmodelle aufeinander: die solide, renditegetriebene deutsche Marktwirtschaft auf die spekulative, kapitalgetriebene kalifornische New-Economy.

Passenderweise dient die norwegische Hauptstadt Oslo als Kulisse für die ersten Pressetestfahrten des EQC: Denn kein anderes Land hat eine so hohe Elektroquote wie das ölreiche Norwegen. Um die 50 Prozent sind es, wenn man die Hybride einrechnet; bis 2025 will das Land ganz auf Verbrennungsmotoren verzichten.

Davon ist Mercedes-Benz noch weit weg: Denn die Schwaben haben bei der Elektrifizierung nicht auf einem weissen Blatt Papier begonnen, sondern der EQC baut auf der Bodengruppe des GLC auf. Das drückt die Kosten. Das Elektro-SUV läuft in Bremen vom selben Band wie der SUV mit Verbrenner. Der Verzicht auf eine autonome Konstruktion bleibt aber nicht ohne Nachteile. So ist der Rahmen in der Bodengruppe zu schmal, um alle Batteriezellen flach einzubauen. Und unter der Haube ist unnützer Bauraum. Die Ingenieure mussten Umwege gehen: Unter der Rückbank haben sie die Batterie doppelt gestapelt und zusätzlich gekühlt, den Bauraum unter der Haube nutzten sie für Elemente der Crash-Sicherheit.

Mit 2495 Kilo ist der EQC nun einiges schwerer als die Konkurrenz. Der Jaguar I-Pace bringt über 250 Kilo weniger auf die Waage, das Model X bei vergleichbarer Batteriegrösse 100 Kilo weniger. Entsprechend hat der Elektro-Benz trotz seinen 300 kW oder 408 PS in der Fahrdynamik das Nachsehen. Von 0 auf 100 beschleunigt er in 5,1 Sekunden, schon bei 180 km/h riegelt die Elektronik ab. Tesla erlaubt bis zu 250 km/h Spitze, Jaguar bis 200 km/h, bei Sprintwerten von 5,0 respektive 4,8 Sekunden.

In der Praxis ist das irrelevant. Auch der EQC beschleunigt toll, auch er liegt dank dem tiefen Schwerpunkt gut in der Kurve. Und bei der Reichweite hält er mit seiner 80kW-Batterie gut mit. Gemäss WLTP-Zyklus kommt er vollgeladen 445 bis 471 Kilometer weit. In der Realität, räumt Mercedes-Benz ein, ist von 370 Kilometern auszugehen. Für die optimale Reichweite gibt es ein eigenes Fahrprogramm, das die Route berechnet und punktuell die Leistung beschränkt. Via App kann der EQC-Fahrer lange Reisen so planen, dass er beim Laden wenig Zeit verliert. Mercedes-Benz kooperiert mit dem Joint-Venture Ionity, das bis 2020 mindestens 400 Ladestationen in Europa betreiben will. Am Supercharger lädt der EQC mit bis zu 110 kW, 40 Minuten dauert es dann, um von 10 auf 80 Prozent zu laden. Daheim lädt er mit 7,4 kw an der Wallbox, das reicht, um über Nacht voll zu tanken. Wer sein E-Mobil neben dem Bügeleisen an die Haushaltssteckdose hängen will, braucht knapp zwei Tage Geduld.

Unter dem Strich kann der EQC mit der Konkurrenz mithalten. Trotz des Verzichts auf eine eigene Plattform findet sich genug Platz im 4,76 Meter langen SUV. Und mit den schmalen Leuchten und der fliessenden Karosserie verströmt auch der Elektro-Benz einen Hauch Futurismus. Mercedes-Benz hat zudem eigene Qualitäten anzubieten, vom edlen Interieur mit dem berührungsempfindlichen Doppelbildschirm bis zu den aktiven Assistenzsystemen.
Eher untypisch für einen Benz ist das straffe Abrollverhalten. Eine Luftfederung gibt es wie bei den T-Modellen nur hinten – zur Niveauregulierung. Und mit dem Mitteltunnel, den es technisch nicht braucht, verschenkt der EQC Raumvorteile. All das hat mit den Kosten zu tun. Was Daimler an dem Elektromobil verdient, bleibt Betriebsgeheimnis. Aber draufzahlen wollen die Schwaben nicht. «Wir sind nicht Tesla», wie einer der Ingenieure in Oslo sagt.

In den nächsten Wochen und Monaten werden wir noch weitere Geschichten rund um den EQC bringen. Darin berichten wir von verschiedenen Erlebnissen und Erfahrungen mit dem Elektromobil.

TECHNISCHE DATEN

Mercedes-Benz EQC
Modell: SUV (vollelektrisch)
Masse: Länge 4761 mm, Breite 1884 mm, Höhe 1623 mm, Radstand 2873 mm.
Kofferraum: 500 bis 1460 Liter
Motoren: Zwei Elektromotoren mit einer Systemleistung von 300 kW (408 PS)
Fahrleistungen: Von 0 auf 100 km/h in 5,1 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h (abgeriegelt)
Verbrauch: 19.7-20.8 kWh auf 100 Kilometer
CO2-Ausstoss: lokal emissionsfrei
Markteinführung: Ab Juli
Preis: Ab 84900 Franken
Infos: www.mercedes.ch