Energie Schweiz

Ein elektrischer Höhepunkt

Volkswagen hat mit seinem E-Racer I.D. R beim legendären Pikes Peak Hill Climb in Colorado (USA) Rekorde gebrochen und die Verbrennungsmotoren hinter sich gelassen.

156 Kurven, 19,9 Kilometer und fast 1500 Höhenmeter – keine Rennstrecke ist so anspruchsvoll wie der legendäre Hill Climb am Pikes Peak in Colorado. Der Viertausender ist bei der Sportwagenfraktion so berühmt, dass VW für den Gipfelsturm jetzt eigens ein Auto entwickelt hat. Das Projekt hat sich gelohnt: Mit einer Fabelzeit von 7:57:148 Minuten ist Werksfahrer Romain Dumas der neue «King Of The Hill» und sein Elektroauto plötzlich ein ernsthafter Sportwagen. Schliesslich hat er damit nicht nur den Streckenrekord für Akku-Autos gebrochen, sondern auch die vor fünf Jahren aufgestellte Allzeit-Bestmarke von Peugeot-Pilot Sebastian Loeb um 16 Sekunden unterboten. Und, der Elektrosportler liess der Konkurrenz mit konventioneller Antriebstechnik keine Chance.

Kein Wunder, dass man bei den Wolfsburgern jubelte. «Der I.D. R Pikes Peak ist der sportliche Vorbote der I.D. Familie von Volkswagen. Und heute haben wir gezeigt, was in dieser Technologie steckt», freute sich Frank Welsch, Mitglied des Markenvorstands. «Auf den heutigen Tag und dieses Ergebnis kann jeder Mitarbeiter von Volkswagen extrem stolz sein. Mit herausragender Ingenieurskunst und leidenschaftlichem Einsatz hat das Team in nur acht Monaten einen fantastischen Rennwagen auf die Räder gestellt. Nun hat der Volkswagen I.D. R Pikes Peak die beste Zeit in der über 100-jährigen Geschichte dieses Bergrennens erzielt – das ist ein starkes Zeichen für die Elektromobilität.»


Zwar ist der VW I.D. R alles andere als eine Spielerei und zumindest in der Theorie mit den kommenden ID-Modellen verwandt. Doch in der Praxis hat der schnelle Prototyp mit einem Serienfahrzeug der nahen Zukunft noch herzlich wenig zu tun:

- Von den beiden zusammen 680 PS und 650 Nm starken Motoren an den Achsen können die Kunden kommender I.D.-Modelle nur träumen. VW wird – logischerweise – mit deutlich schwächeren Antrieben auf die Strasse rollen.

- Das Gewicht von weniger als 1100 Kilogramm für den Prototyp wird in der Serie nie erreichbar sein. Alleine wegen der schweren Batterien.

Noch weniger Bezug zu den zukünftigen Serienautos als der Antrieb hat der rechts neben dem Fahrer und hinter dem Cockpit montierte Akku. Denn während es auf der Strasse um eine hohe Energiedichte geht und eine grosse Reichweite erzielt werden soll, muss die Batterie am Pikes Peak nur gut 20 Kilometer halten. Dafür soll die Energie aber extrem schnell abgegeben und bei der Rekuperation auch rasend schnell wieder aufgenommen werden. Nicht umsonst werden rund 20 Prozent des Energiebedarfs für den Gipfelsturm beim Bremsen vor den natürlichen Schikanen erzeugt.

Die Beschleunigung des I.D. R ist immens: Während der Renner faucht, schiesst er in 2,2 Sekunden auf Tempo 100 und nimmt damit einem Formel-1-Auto etwa vier und einem Formel-E-Renner etwa sieben Zehntel ab.

Dass irgendwann ein Elektro-Auto die Gesamtwertung gewinnt, war nur eine Frage der Zeit. Denn im Grunde sind die Batterie-Boliden auf dieser Strecke gegenüber den Verbrennern im Vorteil. Während den Verbrennern in der Höhe buchstäblich die Puste ausgeht und sie am Gipfel rund ein Drittel weniger Leistung haben, ist dem Antrieb des I.D. R die dünne Luft egal. Doch so ganz ohne Einfluss ist die Höhe auch auf E-Racer nicht, sagt Technik-Berater Willy Rampf: «Das Elektroauto braucht die Luft zum Kühlen. Und vor allem brauchen die Rennwagen den Luftstrom für den Abtrieb, der das Auto in den engen Kehren fest auf die Strasse presst.» Weil auch der Luftstrom mit der Höhe geringer wird, konterten die VW-Entwickler das mit ausufernden Luftleitblechen am Bug, an den Flanken und einem Heckspoiler, der grösser ist als eine Parkbank.

Das «Race above the Clouds», dass in diesem Jahr zum 96. Mal ausgetragen wurde, ist aber nicht nur für die Ingenieure eine Herausforderung, sondern auch für die Fahrer. Zwar dauert es im besten Fall keine zehn Minuten, aber VW-Champion Dumas hält es für schwieriger als ein 24 Stunden-Rennen: Erstens, weil man hier nur einen Versuch hat und mögliche Fehler in der nächsten Runde nicht korrigieren kann, und zweitens, weil die Strecke gnadenlos ist und keine Fehler verzeiht. «Die Nordschleife des Nürburgrings ist nichts dagegen», sagt Dumas, wenn er an die Schikanen zwischen den Bäumen denkt, bei denen es keine Auslaufzonen gibt, oder an die Steilhänge, die oft direkt neben der Strecke viele hundert Meter tief abfallen.

Kalkuliertes Risiko. Denn auch heute geht es beim Gipfelsturm natürlich vor allem ums Geschäft. Zumindest für Männer wie Hinrich Woebken. Er ist der Chef von Volkswagen in Amerika und will den Hill Climb vor allem zur Pflege des VW-Images nutzen und den Amerikanern zugleich Lust auf die ersten Elektroautos aus Wolfsburg machen.