Energie Schweiz

Byton M-Byte

Chinesische E-Revolution

Nächste Woche wird in Frankfurt mit dem M-Byte das erste elektrische Serienauto des chinesischen Herstellers Byton enthüllt. Wir sind bereits damit gefahren.

«Die Chinesen kommen», fürchtete sich Europa schon vor 10 Jahren. Doch sie kamen nicht. Aber nun, im Zuge der elektrischen Revolution, rollt die 2017 gegründete Marke Byton den ersten Serienstromer an den Start – den M-Byte. Und der vermag in vielen Punkten zu überzeugen.

Mit einem Bildschirm über die gesamte Breite des Armaturenbretts und einem Touchscreen im Lenkrad sowie mit Finessen wie einer Gesichtserkennung anstelle des Autoschlüssels hat sich der elektrische Neuling aus China beim Debüt vor knapp zwei Jahren bereits in die Schlagzeilen gebracht. Und weil die Macher der Marke allesamt ehemalige Spitzenkräfte von BMW sind, wurde aus dem Start-Up nicht nur ein Tesla-Jäger, sondern gleich auch ein Herausforderer der europäischen Automobilhersteller.

Und während die Theoretiker die Premiere des Serienmodells auf der IAA in Frankfurt von kommender Woche vorbereiten, geben die Praktiker dem Prototypen gerade den letzten Schliff. Wann immer Entwicklungschef David Twohig mal nicht im Flugzeug zwischen dem Werk in Nanjing, dem Forschungszentrum im Silicon Valley und der heimlichen Zentrale in München ist, sitzt er deshalb am Steuer eines getarnten M-Byte und kontrolliert, wie das Puzzle der Premium-Zulieferer so langsam ein fertiges Bild ergibt.

Dabei folgt er einer Philosophie, die ganz anders ist als bei Tesla & Co. Denn nur weil Elektroautos beschleunigen könnten wie ein Porsche, dürfe man sich nicht dazu verleiten lassen, sie auch so abzustimmen. «Sonst machen sie am Ende nur dem Fahrer Spass», mahnt Twohig. Und weil der trotz des für 2020 avisierten Europastart des M-Byte – zumindest anfangs – vor allem in China und dort in Stauhochburgen wie Shanghai oder Peking unterwegs sein wird, verliert Fahrdynamik noch stärker an Bedeutung.

Aber keine Angst, der M-Byte ist alles andere als ein Schleicher: Mit 200 kW und Heck-, oder 350 kW und Allradantrieb hat auch er einen Punch wie ein Preisboxer und beschleunigt trotz der gut und gerne 2,5 Tonnen mit einem gehörigen Nachdruck. Doch hat Twohig weniger den Fahrer als die Passagiere im Sinn und will sie mit ungeahntem Komfort umgarnen. Wenn der Chefentwickler von einer neuen Federkonstruktion schwärmt, mit der sich die Strasse wie ein Fluss anfühle und wenn der Prototyp dabei auch ohne Luftfeder oder aktive Dämpfer so sanft über diese „Liquid Road“ gleitet, dann wähnt man sich eher in einer traditionellen Luxuslimousine als ein einem elektrischen Spaceshuttle.

Doch keine Sorge, allzu lange verharrt man nicht im Hier und Heute: Dafür sorgt die riesige Bildschirmlandschaft, hinter der sich der Fahrer fühlt wie Captain Future. Ein Touchscreen in der Armlehne zwischen den Sitzen, einer im Lenkrad und dazu das digitale Armaturenbrett, das sich über die komplette Fahrzeugbreite spannt – dagegen sieht die Konkurrenz aus wie ein Oldtimer. Allerdings ist das Geflimmer zumindest gewöhnungsbedürftig: Während man mit dem Tablet in der wie bei Citroën feststehenden Nabe des Lenkrads überraschend gut zurechtkommt, bindet der riesige Screen unter der Scheibe gefährlich viel Aufmerksamkeit und hindert zudem den Blick auf die Strasse. Gut, dass der M-Byte nicht nur hoch assistiert fahren, sondern auch autonom einparken können wird.

Während man sich damit in der ersten Reihe wähnt wie in einem Space Shuttle, verharren die Hinterbänkler in der Gegenwart. Nicht nur, dass der M-Byte trotz seines stattlichen Formats von knapp fünf Metern in der zweiten Reihe weniger Knieraum bietet als erwartet und zudem das Dach ungemütlich früh abfällt. Nein, wer nicht sein Smartphone mitbringt und sich ins lokale Wifi-Netzwerk klinkt oder dem Vordermann über die Schulter schaut, bekommt auch von der Digitalisierung nicht viel mit.

Kein Wunder, denn die Chinesen wollen den M-Byte nicht auf seine digitalen Funktionen reduziert wissen und legen Wert auf die Qualitäten der alten Welt. Nicht umsonst stecken im Bauch Batterien mit 71 oder 95 kWh für bis zu 520 Kilometer Normreichweite, die man schliesslich gebührend genießen soll.