Energie Schweiz

Auto Shanghai 2019

Chinesisches Powerplay

Mit einem elektrisierenden Auftritt an der Auto Show in Shanghai zeigen die Chinesen ihre Vorreiterrolle in der Elektromobilität auf.

Der Markt hat sich zwar etwas abgekühlt und die Wachstumsprognosen sind nicht mehr ganz so rosig. Doch was China als grösste Autonation der Welt an Kaufkraft fehlt, das machen sie mittlerweile mit ihrem Innovationsgeist locker wett. Denn die Zeiten, in denen sie nur westliche Modelle kopiert oder in offiziellen Kooperationen nachgebaut haben, sind vorbei.

Neue Marken wie Nio oder Byton und ältere Konzerne wie Geely, Great Wall oder Changan fahren auf der Messe in Shanghai gerade so gross auf, dass die Besucher sich zurecht am Nabel einer neuen Autowelt fühlen. Und dies nicht nur wegen dem Messebau und der imposanten Stände, sondern auch wegen dem, was darauf ausgestellt ist.

NIO ET
Während andere Messen den Bedeutungsverlust fürchten müssen, platzt das riesige Exhibition Center im Nordwesten von Shanghai aus allen Nähten. Logisch: Mit 27 Prozent aller verkauften Neuwagen ist China der mit Abstand weltgrösste Markt und damit schlicht zu wichtig, als dass hier jemand fehlen könnte, sagt der Deutsche Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer, und schreibt den Chinesen mittlerweile eine führende Rolle zu: «China ist dabei, Technologieführer in der Autoindustrie zu werden und zugleich für alle anderen die Regeln vorzugeben.»




Und der imposante Auftritt der Heimspieler gibt ihm recht. Ja, manche SUV-Gesichter mögen einem noch immer seltsam vertraut vorkommen und nicht jedes Design trifft den europäischen Geschmack. Doch die Autos von Marken wie Chery oder Geely, Wey oder Roewe haben deutlich an Substanz und Selbstbewusstsein gewonnen und sind vor allem technisch vorne mit dabei.

Roewe Max
Was am meisten beeindruckt, das ist der Grad der Elektrifizierung. Während Akku-Autos bei den Europäern erst noch am aufkommen sind und sich die Gäste mit den endlosen Ankündigungen für die VW ID-Modelle, den Audi e-tron oder den Mercedes EQC überbieten, sind die Stromer bei den chinesischen Marken fast schon Standard. Und gefühlt jede zweite Marke hat gar keine Verbrenner mehr im Angebot, sondern eifern wie die Weltmeister dem grossen Vorbild Tesla nach.






Die westlichen Marken waren auch vertreten – wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen: BMW zum Beispiel hat in China ausser den M Varianten von X3 und X4, einem gelifteten Mini und dem neuen Dreier mit elf Zentimetern mehr Radstand gar nichts Neues zu bieten, Porsche wiederholt die Premiere des Cayenne Coupé und Mercedes zieht das Tuch von einem beinahe serienreifen GLB. Er lässt – abgesehen vom Infotainmentsystem MBUX –, jede Innovation vermissen. Das ändert sich erst in zwei Jahren, wenn er als EQB auch zum Elektroauto werden wird.
VW-ID roomzz

VW und Audi hatten da schon mehr zu bieten: Sie zeigen nicht nur einen eigens für China elektrifizierten Q2 mit gut 200 Kilometern Reichweite, ein halbes Dutzend VW-SUV ausschliesslich für China und eine ganze Jetta-Familie als neue Einstiegsmarke. Sondern sie machen mit den Studien I.D. Roomzz und Audi Ai:Me auch Lust auf die Zukunft. Der wie ein A2 der übernächsten Generation gezeichnete Ai:Me ist ein autonomes Shuttle für die Metropolen von morgen, durch die es wie von Geisterhand surren soll.

Audi AI:ME

Doch der mit Abstand grösste Star unter den Modellen mit europäischem Einfluss ist allerdings gerade mal gute drei Meter lang und auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Kleinwagen. Auf den zweiten allerdings entpuppt sich der Renault City K-ZE als cleveres Akkuauto, mit dem die Franzosen ganz vorne auf der Electric Avenue mitfahren wollen. Schliesslich wird ihm eine Reichweite von rund 250 Kilometern nachgesagt und der Preis soll trotz der europäischen Qualität auf einem Niveau liegen, das mit den lokalen Konkurrenten Schritt halten kann. Denn diese sind in China nach Abzug der Subventionen bereits für umgerechnet rund 10’000 Euro zu haben.

Damit liefert der Wagen, den die Franzosen als globales Projekt mit guten Exportchancen bezeichnen, das perfekte Vorbild für geplante Neuerscheinungen wie den Mini E aus der Kooperation mit Great Wall und die nächste Generation des Smart, für die Geely verantwortlich ist. Und er hat zudem das Zeug, den europäischen Massenmarkt zu erobern. Wenn das gelingt, dann könnte Automobilwirtschaftler Dudenhöffer noch mit einer weiteren Prognose recht haben: «Das Auto der Zukunft kommt aus China.»