Energie Schweiz

Fiat 500e als Stromspender

Die Italiener arbeiten an einem System, das die elektrische Versorgung in den Städten in Zukunft stabilisieren soll

Schon bald rollt der erste vollelektrische Fiat 500e auf den Markt. Am Hauptsitz von Fiat in Mirafiori in Turin tummeln sich 64 Exemplare der sogenannten Vorserie derzeit unter Sonnenkollektoren wie Säuglinge an Mutters Brust. Sie parken an speziellen Ladestationen, welche die in den 500er-Batterien gespeicherte elektrische Energie wieder ins Stromnetz zurückspeisen.

Das Ziel: Elektrofahrzeuge sollen in naher Zukunft die elektrische Versorgung in unseren Städten stabilisieren, indem sie als Puffer und somit als aus dem Stromnetz ausgelagerte Minikraftwerke arbeiten. «Vehicle to Grid» (V2G) nennt sich diese Technik, also vom Fahrzeug zurück ins Netz. Sie ermöglicht es den Autos, Energie mit dem Stromnetz auszutauschen, macht sie somit zu einer wertvollen Ressource für das von Terna betriebene nationale Stromnetz in Italien. Die Technologie ist nicht neu, wurde aber noch nie grossflächig umgesetzt. Das Projekt soll das Umdenken der weltweiten Energieversorgung einläuten, hofft man bei Fiat.

Um das unter Beweis zu stellen, verwendet FCA (Fiat Chrysler Automobiles) bereits fertiggestellte elektrische Fiat 500, die auf ihre Auslieferung warten. Sie nutzen ihre Zeit auf Halde und sollen ihren Beitrag dazu leisten, Laden in zwei Richtungen marktreif zu machen. Italien soll damit zum Markführer intelligenter Energieversorgung werden. Die simple Erkenntnis: Wenn Fahrzeuge zu 95 Prozent ihrer Betriebszeit stehen, haben sie ein gewaltiges Potenzial, als dezentrale Energiespeicher und -lieferanten zu fungieren.

Phase eins des Vorzeigeprojektes zwischen FCA, dem französischen Unternehmen Engie «eps» für dezentrale Energieerzeugung und dem italienischen Energienetzspezialisten Terna startete im September auf dem Fiat-Werksgelände in Mirafiori. In diesem ersten Schritt geht es vor allem darum, Daten darüber zu sammeln, wie das Zusammenspiel zwischen Energiekonzern und Fahrzeugen bestmöglich ablaufen kann. Denn die sognannte bidirektionale Technologie funktioniert nur dann effizient, wenn Auto und Ladeinfrastruktur eine gemeinsame Sprache sprechen.

Ein Kommunikationsprotokoll soll bis Ende 2021 etabliert sein. Auf dieser Basis können dann 350 Ladesäulen und bis zu 700 Elektroautos miteinander kommunizieren. Das weltgrösste Labor dieser Art soll in Phase zwei die Wirtschaftlichkeit für FCA und Terna berechnen. «Wenn im Jahr 2030 nur fünf Prozent aller in Europa gefahrenen Fahrzeuge elektrisch unterwegs wären, könnten sie das Stromnetz revolutionieren und für das Gleichgewicht innerhalb der europäischen Energiemärkte entscheidend sein», prophezeit der Chef von ENGIE «eps», Carlalberto Guglielminotti. «Das Parken der Fahrzeuge als Immobilie auf dem Firmengelände verwandelt sich von einem Nachteil in einen finanziellen Vorteil, der in absehbarer Zeit insbesondere auch von Fuhrparkmanagern genutzt werden kann», ist Roberto Di Stefano, Leiter e-Mobilität der FCA überzeugt. Diese Funktion als externer Dienstleister in Sachen Netzstabilisierung könne sich auch für den Besitzer einer heimischen Wallbox, die auch in zwei Richtungen funktioniert, bezahlt machen.