Energie Schweiz

Erste Probefahrt im Tesla Model Y

Tesla will das Model Y ab 2021 zum Golf der Generation E machen. Die Chancen stehen gut, wie eine exklusive Probefahrt im ersten Fahrzeug auf europäischem Boden beweist.

Ein Tesla als «Golf der Generation E»? Was vor Jahren noch ein mitleidiges Lächeln hervorgerufen hätte, ist längst Tatsache: Das Tesla Model 3 zeigt dem ewigen Bestseller VW Golf die Rücklichter. Nach 5 Monaten liegt der US-Stromer in der Schweizer Verkaufs-Hitparade auf Platz 5, der Golf nur noch auf Platz 10.

Und bald kommt der Y – ein SUV auf Basis des Model 3. Und weil es bis zum offiziellen Verkaufsstart und klassischen Testfahrten diesseits des Atlantiks noch ein gutes Jahr dauern dürfte, haben wir die Chance genutzt und in Deutschland die ersten Kilometer mit dem Y absolviert.

Auf den ersten Blick wirkt das Model Y dabei vergleichsweise vertraut – schliesslich basiert es auf dem Model 3 und teilt sich mit der Schräghecklimousine zwei Drittel der Komponenten. Das gilt für Antrieb und Akkus genauso wie für das Ambiente. Das Model Y wird es deshalb genau wie das Model 3 als Performance, Long Range und Standard geben – und hier wie dort blickt der Fahrer in ein Cockpit, das cleaner kaum sein könnte.

Doch so vertraut einem auch die Form erscheint, ist das Format völlig neu: Mit rund 4,75 Metern ist das Model Y sechs Zentimeter länger als das Model 3, es ist sieben Zentimeter breiter und vor allem 18 Zentimeter höher. Auch wenn es nicht so bullig und rustikal auftritt wie die meisten anderen SUV und der kleine Karbonspoiler am Heck von Moellers Performance-Model der einzige Zierrat ist, bietet das Model Y spürbar mehr Platz für Kind und Kegel – und bequemer einsteigen sowie besser rausschauen kann man dank den paar Zentimetern mehr Bodenfreiheit und der entsprechend höheren Sitzposition natürlich auch.

Den Unterschied merkt man vor allem hinten: In der zweiten Reihe, weil es nun ausreichend Kopffreiheit gibt und man die dreigeteilte Lehne in der Neigung verstellen kann. Und im Kofferraum, weil die Klappe nun gross ist und bis ins Dach reicht und weil darunter bis zu 1900 Liter Gepäck passen. Während Kind und Kegel den Tesla so von einer neuen Seite kennen lernen, fühlt sich der Fahrer fast wie im Model 3. Ja, selbst die Performance-Version des SUV ist zwar mit ihren zwei Motoren nicht ganz so flott wie die Limousine. Doch mit einem Sprintwert von 3,7 Sekunden auf Tempo 100 und einem Spitzentempo von 241 km/h lässt der E-SUV quasi alle alt aussehen.

Wer den Long Range vorbestellt, muss zwar mit 1,4 Sekunden mehr für den Standardsprint und 24 km/h weniger Höchstgeschwindigkeit leben, kommt im WLTP-Zyklus aber 505 statt 480 Kilometer weit. Wie beim Model 3 dürfte es ein Jahr später auch eine Standard-Version geben – dann mit nur einem Motor an der Hinterachse, einem Spitzentempo um die 200 km/h und knappen 400 Kilometer Reichweite, mit dem der Preis in die Nähe des VW-Konkurrenten ID.4 sinken dürfte.

Wie gewohnt mag der Tesla weniger gediegen und souverän dahingleiten als etwa ein Audi E-Tron oder ein Mercedes-Benz EQC. Doch wo die meisten europäischen Elektriker vergleichsweise blutdrucksenkend abgestimmt sind, will der Tesla engagiert gefahren werden und dankt es einem mit einer Strassenlage, die trotz des hohen Schwerpunkts auch in engen Kurven nicht aus der Ruhe gerät. Da ist er dem Model 3 deutlich näher als dem Model X.

Aber der Fahrer hat auch alle Zeit, sich auf die Strasse zu konzentrieren. Denn bis auf die Fensterheber in den Türen, die zwei Bedienhebel hinter und die zwei Drehwalzen im Lenkrad gibt es im Tesla nichts, was ihn von der Fahrbahn ablenken würde. Alles, was es in diesem Auto zu bedienen gibt, macht man über den Touchscreen, der grösser ist als die meisten Tablet-Computer und zugleich als Fenster in eine umfassende Infotainment-Welt fungiert.

Doch nur weil Tesla die Bedienelemente wegrationalisiert, sparen die Amerikaner aber nicht an Inhalten. Im Gegenteil: Auf dem Bildschirm läuft mehr Software als bei irgendeinem anderen Hersteller – selbst wenn die nicht immer mit Fahren zu tun hat und auch nicht unbedingt sinnvoll ist. Aber warum nicht mal ein digitales Kaminfeuer anzünden oder irgendeinen Gag programmieren?

Voraussichtlich kommt Tesla mit dem Model Y zumindest in Europa nach den etablierten Konkurrenten auf den Markt und muss sich da erstmals durchzusetzen versuchen gegen Modelle wie der ID.4 von VW, den Q4 von Audi, den iX3 von BMW und den Enyaq von Skoda. Wenn man das grosse Ganze sieht und den Blick deshalb auf den Globus richtet, könnte das Model Y als ebenso elegantes wie einladendes SUV mit sauberem Antrieb und mehr als alltagstauglichen Fahrleistungen in der Ära der Akku-Autos tatsächlich dieselbe Rolle spielen, die heute der Golf in der alten Welt innehat.