Energie Schweiz

Kompromissloser Kompromiss

Mercedes-Benz EQC

Den Ausdruck «Kompromiss» mögen Sie bei Mercedes-Benz nicht. Dabei besticht der Elektro-SUV EQC trotz Kompromissen mit einer souveränen Transformation der typischen Mercedes-Qualitäten in die Elektromobilität
Flügeltüren, von Geisterhand ausfahrende Türgriffe oder Kameras statt Aussenspiegel? Fehlanzeige. Was beim Tesla Model X, beim Jaguar I-Pace und beim Audi e-tron für den Wow-Effekt sorgt, gibt’s beim E-SUV von Mercedes-Benz nicht. Denn obwohl er seit letztem Sommer als Elektroauto (BEV) am Start steht, basiert er auf der bekannten und bewährten Architektur des traditionellen Mercedes-SUV GLC. Optisch unterscheidet sich der Stromer durch mehr Überhang am Heck, die schräge Heckklappe mit einem durchgehenden Leuchtenband und die neue Front mit blauem Lidstrich.

Diese Zurückhaltung hat zwei Gründe: Zum einen will Mercedes in der Produktion maximal flexibel bleiben, um auf die Marktentwicklung zu reagieren. Zum anderen wollen die Stuttgarter den Umstieg auf die Elektromobilität für ihre Kunden so sanft wie möglich gestalten. Also keine Experimente, sondern bekannte Qualitäten gepaart mit einem Elektroantrieb. Oder, im Selbstverständnis der noblen Stuttgarter ausgedrückt: «Der EQC ist der Mercedes unter den Elektrofahrzeugen.»

Stimmt. Wer im 4,77 Meter langen E-SUV Platz nimmt, sieht und fühlt auf Anhieb bekannte Mercedes-Qualitäten. Alles fühlt sich hochwertig an. Es schimmert zwar ein bisschen Kupfer und Rose-Gold in den Konsolen, wie das für Designchef Gorden Wagener die Elektromobilität symbolisiert. Die Materialien wirken etwas technischer, die Lüfter sind moderner, und das Cockpit wird von einem riesigen Bildschirm dominiert. Der zeigt brillante Grafiken, lässt sich auch mit den Fingerspitzen bedienen und beherbergt die derzeit beste Sprachsteuerung MBUX. Wer nicht am Lenkrad, am Touchpad auf der Mittelkonsole oder dem grossen Touchscreen hantieren mag, der kann alles verbal und mit wenigen Worten lösen.

Und wer will, der kann sich auch beim Fahren zu einem grossen Teil auf die vielen Assistenzsysteme verlassen. Doch das ist nicht nötig, denn trotz dem Gewicht von über 2,5 Tonnen ist der EQC ein Fahrerauto. Ein Auto, das Fahrspass vermittelt. Dies auch bei Ausfahrten in die Berge und natürlich auf langen Reisen.  Das fühlt sich so entspannend an wie eine Ballonfahrt über dem Mittelland. Und weil der GLC eigentlich für laute Verbrennungsmotoren konzipiert wurde, profitiert der nahezu geräuschlose Elektroantrieb zusätzlich von den Massnahmen zur Geräuschdämmung. Flüsterleise und wolkenweich wähnt man sich eher in der S-Klasse als in einem SUV.

Für die begeisternde Performance haben die Stuttgarter gleich zwei jeweils 150 kW starke Asynchronmotoren verbaut, die eine Systemleistung von 300 kW oder 408 PS sowie ein gewaltiges Drehmoment von 760 Newtonmetern bereitstellen. Obwohl der EQC locker die 200-km/h-Grenze übertreffen würde, regelt Mercedes den E-SUV bei 180 km/h ab. So wollen die Stuttgarter verhindern, dass die Reichweite auf deutschen Autobahnen schneller schmilzt, als der Fahrer eine Ladestation anvisieren kann.

Lohn der Selbstbeschränkung ist ein Aktionsradius von 430 Kilometern. Auf dem Papier. Im Alltag und ohne Komforteinbussen in der Sommerhitze und im Winter – Klima an, Sound an – waren es im Schnitt immer über 370 Kilometer. Und damit die Praxis der Theorie möglichst nahekommt, gibt es ein halbes Dutzend Fahrprogramme samt Eco-Navigation, vorausschauendem Batteriemanagement und fünf Rekuperationsstufen, mit denen man segeln oder – One-Pedal-Driving – ohne Bremse bremsen kann. An der Wallbox lädt der EQC mit 7,4 kWh innert elf Stunden, am Schnelllader (110 kWh) ist der E-Benz nach 40 Minuten wieder zu 80 Prozent geladen.

Fazit nach einem Jahr Dauertest: Der Mercedes-Benz EQC macht den Übergang vom Verbrenner zum E-Auto besonders leicht. Selbst Strom-Novizen finden sich mit dem Mix aus Tradition und Moderne auf Anhieb zurecht.

Mercedes-Benz EQC 400 4Matic
Modell: 5-türiger Elektro-SUV mit 5 Plätzen
Masse: Länge 4774 mm, Breite 1923 mm, Höhe 1625 mm
Kofferraum: 500 bis 1460 Liter
Motoren: Zwei Asynchronmaschinen mit 408 PS und 760 Nm
Antrieb: Allradantrieb, 1-Gang
Akku: Lithium-Ionen-Batterie mit 80 kWh
Stromverbrauch: 26,3 kWh/100 km (Werk), 27,5 kWh (Testbetrieb)
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 5,1 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h (abgeregelt)

Reichweite: Bis zu 430 Kilometer (Werk), 370 Kilometer (Testbetrieb)